Sortengarten Erschmatt (VS): Walliser Roggen, Saubohnen, Hasenohr & Co

Hart war früher das Leben der Erschmatterinnen und Erschmatter. Bis fünfmal pro Jahr mussten sie im Rhythmus ihrer Tiere und der Natur ihren Wohnsitz vom Talboden zu den Alpen wechseln. Die schmalen, kleinparzellierten Ackerterrassen lieferten das Getreide und die Ackerbohnen, die Gärten des Dorfes Kartoffeln und Gemüse. In den Stadeln wurde im Herbst das Getreide gedroschen. Das in der Dorfmühle gemahlene Mehl wurde zu Roggenbroten verarbeitet, die dann in den Spychern über Monate darauf warteten, verzehrt zu werden. Gebacken wurde das Brot in einem gemeinschaftlichen Holzofen, der bis zu 150 Brote aufnehmen konnte. Erschwert wurde das Leben vom römischen Erbrecht, wonach der Landbesitz auf alle Kinder zu gleichen Teilen aufgeteilt wird. Damit schrumpften die schon kleinen Parzellen zu handtuchgrossen Flächen, die kaum jemanden ernähren konnten.

Die Situation änderte sich mit dem Bau der Fahrstrasse im Jahre 1956 drastisch. Durch die gute Erschliessung des Dorfes wurde die Selbstversorgung rasch aufgegeben. Die Männer konnten nun im Tal von der Industrialisierung profitieren und hatten kaum noch Zeit für die mühsame Feldarbeit. Die Folgen für das Orts- und Landschaftsbildes waren dramatisch. Die schiefergedeckten Häuser wurden nun mit Ziegeln aus dem Unterland gedeckt. Die historische Terrassenlandschaft vergandete und verbuschte. Die für die Selbstversorgung nötige Infrastruktur wie Stadel, Dorfmühle, Spycher wurden aufgegeben oder ihrer Funktion beraubt. Nur erhalten hat sich der gemeinschaftliche Backofen, der regelmässig bei Veranstaltungen und Backkursen von der Erlebniswelt Roggen Erschmatt eingeheizt wird.

Erfahren konnten wir dies und noch viel mehr bei prächtigem Sommerwetter an spannenden Führungen von Edmund Steiner, Dorfhistoriker, und Roni Vonmoos, Leiter des Sortengartens. Sie führten uns zu den historischen Anbauterrassen, durchs Dorf und durch den Sortengarten. Auf rund 1200 m. ü. M. bietet letzterer auf rund 10 Aren unzähligen alten Kulturpflanzen eine Heimat und trägt damit wesentlich zur Erhaltung der Artenvielfalt bei. Dazu gehören die historischen Anbauterrassen oberhalb des Dorfes. Sie wurden teilweise vom Verein Erlebniswelt Roggen reaktiviert. Er hat Trockenmauern mit Freiwilligen wieder aufgebaut und die Terrassen mit Walliser Roggen, anderen Getreidearten und Ackerbohnen angepflanzt. Erstaunlich waren die blühenden zahlreichen Ackerbegleitpflanzen und die vielen Schmetterlinge. Der eigentliche Sortengarten im Dorf war eine blühende Augenweide. Er weist eine Vielfalt an Getreidesorten, Suppenerbsen, Hirse, Buchweizen, Mais und anderen Kulturpflanzen auf. Sie werden zusammen mit der farbenfrohen, vom Aussterben bedrohten Ackerbegleitflora gezielt angebaut und deren Saatgut zur Arterhaltung gewonnen.

Einige Produkte aus dem Sortengarten durften wir im Restaurant Roggen Stube im Roggenzentrum bei einem absolut slowfoodigen Mittagessen geniessen. Der Koch und Betriebsleiter Marik Wildenheim verwöhnte uns mit aussergewöhnlichen Spezialitäten wie etwa schwarze Nüsse, Chips aus Walliser Roggenbrot mit Nüssen, eingelegte Rhabarbern, Polenta aus gerösteten und grob gemahlenen Maiskörnern und Graumohnglace, um nur einige zu nennen. Voller neuer Eindrücke, gut genährt und beschenkt mit einem Bio-Ur-Roggenbrot aus der hauseigenen Bäckerei konnten die Teilnehmenden die Heimreise antreten.

© Fotos: Flavio Turolla