Nachlese: Frühlingserwachen mit schönster Aussicht

Der «schönste Berg mit der schönsten Aussicht» sei er, schwärmte einst der Schriftsteller Robert Walser, und tatsächlich: auf dem Bözingenberg oberhalb von Biel steht man nicht nur beim Blick auf das Alpenpanorama gleichsam in der ersten Reihe. Gleiches gilt für die Sicht auf die Landschaften in der Tiefe, die «eigens zum Anschauen da unten ausgebreitet sind», um nochmals Robert Walser zu zitieren.

Doch das war nicht der Grund, warum sich an diesem frühsommerlich warmen 17. April 2018 eine gut gelaunte Gruppe Slow Fooder dort oben auf der Terrasse des gleichnamigen Bergrestaurants versammelte. Ihnen ging es weniger um die prächtige Aussicht als vielmehr darum, einen Abend lang in die Kochtöpfe von Wirt Roland Kilian und seiner Partnerin Karin zu schauen. Deren Markenzeichen ist eine gesunde Bergküche mit frischen Zutaten, modern umgesetzt, aber in einem einfachen Kleid. Für Gäste mit höheren Ansprüchen werden im Restaurant Bözingenberg aber auch anspruchsvollere Menus zubereitet.

Dieser Mix aus klassischem Handwerk und neuzeitlicher Kreativität prägte denn auch den weiteren Verlauf des Kochkurses, der unter dem Motto «Frühlingserwachen» stand. Dass dabei Bärlauch nicht fehlen darf, zeigte sich schon beim ersten Gang: Ravioli wollten ausgewallt, mit einer Bärlauch-Kartoffelstock-Pinienkerne-Füllung bestückt und geformt sein. Dazu gab es frische Morcheln, die zu einem guten Teil gleichentags am Fuss des Bözingenbergs gesammelt worden sind.

Nach diesem fulminanten Auftakt ging es weiter mit interessant gewürzten Artischocken, einer Spezialität der Bözingenbergküche. Beim dritten Gang standen fangfrische Egli aus dem nahen Bielersee im Zentrum des Geschehens. Umgarnt wurden sie mit Fenchelstrudeln auf Artischockensockel sowie mit eingelegten Zitronen. Beim abschliessenden vierten Gang kam Natura-Beef vom Garohof in Tschugg zu Ehren. Zu diesem Entrecôte gab es Bratgemüse in raffiniert geformten Strudelteigkörbchen sowie karamelisierten Knoblauch an Rotweinsauce, der aus frischen Knollen zubereitet wurde.

Während der gemeinsamen Arbeit für dieses viergängige Menu erfuhren die Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer nicht nur viel über die verwendeten Produkte, sondern schnappten auch reichlich Tricks und Tipps aus der professionellen Gastronomie auf. Und auf jeden Fall hat dieser Abend dazu inspiriert, auch als Amateurkoch ausgetretenen Pfade zu verlassen und mit weniger gebräuchlichen oder gar unbekannten Zutaten zu experimentieren sowie vermehrt Kombinationen zu wagen, die nicht in den üblicherweise verwendeten Rezeptbüchern stehen.

Felix Frank

Fotos: Flavio Turolla